6 Tipps für guten Sex

Die gute alte schönste Sache der Welt ist leider in der Psychotherapie in letzter Zeit doch ziemlich in den Hintergrund gerückt. Es geht heute um Verhalten, Kognitionen, Emotionsregulation, Embodiment. Aber kaum um Sex. Das war nicht immer so: Zu Freuds Zeiten stand die Sexualität in Form der Libido noch im Zentrum der Therapiepraxis und wurde auf der Couch in Form von frei assoziierten Fantasien bis in die letzten Einzelheiten gründlich erkundet. Heute geht es allenfalls im nüchterneren Therapiealltag noch um die sogenannten "sexuellen Funktionssstörungen", wenn es bei der Frau mit der Lubrikation nicht so klappt wie es sollte, oder sich eine männliche erektile Dysfunktion in der Hose breit macht (oder eben nicht).

 

Schade eigentlich. Reden wir also darüber, um wieder etwas Schwung in die Sache zu bringen. Und sprechen Sie das Thema auch einmal mit Ihrer Therapeutin oder Ihrem Therapeuten an, auch wenn es eigentlich gar nicht so schlecht läuft in dem Bereich bei Ihnen. Es kann noch besser gehen! Und es tut einfach auch gut, über Sex zu reden.

 

1. Pflegen Sie Ihr Sexleben aktiv und bewusst.
Schaffen Sie sich dafür Räume, sowohl örtlich wie auch zeitlich, in denen es um nichts anderes geht, als um die schönste Sache der Welt. Treffen Sie Verabredungen und tragen Sie diese verbindlich in die Agenda ein. Der Schweizer Paartherapeut Guy Bodenmann empfiehlt dies sogar ausdrücklich. Sexualität ist wie ein Muskel: Wenn er nicht trainiert wird, wird er schwächer und es wird immer anstrengender, ihn zu aktivieren. Im Gegenzug dazu gilt: Je besser Sie diesen Muskel trainieren, desto mehr Freude und Lust wird es Ihnen bereiten, ihn zu benutzen.

 

2. Etwas MathematiXXX: Lernen Sie die "erotische Gleichung" auswendig.

Der Sexualtherapeut Jack Morin stellt diese in seinem Buch "The Erotic Mind" folgendermassen auf: (Sexuelle) Erregung = Anziehung + Hindernisse. Je mehr Hindernisse sich zwischen Ihnen und dem Objekt Ihrer Begierde befinden, desto höher der Leidenschaftsanteil, was vermutlich zu einem aufregenden Sexleben führt. Je geringer die Hindernisse, desto grösser der Freundschaftsanteil, was eine wichtige Voraussetzung für eine langfristige Partnerschaft ist gemäss dem Paartherapeuten John Gottman. Sind die Hindernisse zu gross, besteht die Gefahr, dass die Bindung brüchig bleibt, eine tiefere Verbindung nicht zustande kommt trotz möglicherweise gutem Sex. Sind sie zu klein, besteht die Gefahr, dass Sie einander zwar in- und auswendig kennen, die Sexualität jedoch in den Tiefschlaf gerät. Pflegen Sie also einerseits bewusst Ihre freundschaftliche Verbindung zueinander, achten Sie jedoch auch darauf, Ihr eigenes Leben unabhängig von Ihrem Partner / Ihrer Partnerin weiter zu führen. So bleiben Sie interessant, geheimnisvoll, verführerisch.

 

3. Nutzen Sie das Leidenschaftspotenzial Ihrer Emotionen.

Gemäss dem Paar- und Sexualtherapeuten David Schnarch ist in den früheren Lebensjahrzehnten einerseits und zu Beginn einer Paarbeziehung anderseits die Sexualität quasi ein Selbstläufer. Die körperliche Erregbarkeit und die Anziehung ist stark genug für eine lustvolle und erfüllende Sexualität. Mit zunehmendem Alter und zunehmender Dauer einer Partnerschaft nimmt sowohl die körperliche Erregbarkeit wie auch die Anziehung ab. Dem lässt sich entgegensteuern, indem der Fokus vom körperlichen Aspekt der Sexualität weg mehr hin auf den emotionalen Aspekt gerichtet wird, Sexualität quasi als Mittel für eine tiefere, intimere emotionale Verbindung genutzt wird. Zwei schöne Übungen, die er dazu vorschlägt: Erstens: Die Umarmung bis zur Entspannung - diese muss gar nicht unbedingt im Bett oder in/auf Bettähnlichem geschehen, sondern kann angezogen im Stehen stattfinden, beispielsweise bei der Begrüssung am Morgen oder Abend. Nehmen Sie sich Zeit, sich achtsam und bewusst in die Arme zu nehmen, beobachten Sie, was bei sich passiert und warten Sie, bis sich ein angenehmer Zustand von Entspannung ausbreitet. Spüren Sie sich und Ihre Partnerin in diesem Zustand und aus diesem Zustand heraus und nehmen Sie wahr, was Sie dabei erleben. Und zweitens: Schauen Sie einander beim Sex in die Augen, vor allem beim Orgasmus. Sie werden neue Welten entdecken.

 

4. Seien Sie egoistisch.

Viele Menschen haben das Gefühl, beim Sex gehe es vor allem darum, den Partner, die Partnerin zu befriedigen. Natürlich soll es auch darum gehen, mit einem Teil der Aufmerksamkeit beim Anderen zu sein. Aber Sie erfahren nur, ob der anderen Person gefällt, was Sie tun, wenn sich diese gestattet, auf die eigenen Empfindungen zu achten. Und umgekehrt können Sie Ihrerseits nur dann adäquates Feedback geben, wenn Sie sich darauf achten, ob Ihnen gefällt, was der/die Andere gerade so am Tun ist. Achten also auch Sie auf Ihre Empfindungen und zeigen Sie Ihrem Partner, was Ihnen gefällt und was nicht. Eine gute Übung dazu bietet das Sensate Focus Programm von Virginia Masters und William Johnson.

 

5. Lösen Sie sich von ungünstigen Prägungen und Hemmungen.

In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, dass heutzutage vor allem sensible Männer ihr sexuelles Verlangen abwerten oder mit Skepsis betrachten. Das Bedürfnis nach Lustempfinden gehört zu den gesunden menschlichen körperlichen und psychologischen Grundbedürfnissen. Gary Chapman bezeichnet Körperkontakt, Zärtlichkeit, Sexualität als eine der fünf Sprachen der Liebe. Seien Sie sich dessen bewusst, falls diese Sprache Ihnen entspricht und stehen Sie dazu. Vergessen Sie auch alle Regeln: In der Sexualität ist alles erlaubt, solange beide oder alle Beteiligten damit einverstanden sind. Dazu kann auch gehören, lustvoll mit Themen wie Macht, Dominanz zu spielen, über erotische Fantasien zu sprechen und diese auch auszuprobieren.

 

6. Geben Sie Ihrer Sexualität einen Sinn.

Der Sexualtherapeut Jack Morin hat den Begriff des "Erotischen Kernthemas" geprägt. Er geht davon aus, dass das, was uns Menschen die stärkste Lust und Erregung auslöst, uns auf ein verborgenes Wachstumspotenzial hinweist. Indem wir uns dessen bewusst werden, können wir dieses Potenzial ausschöpfen. Sei es, indem wir dieses Thema in der Sexualität aktiv verfolgen oder auch in anderen Lebensbereichen. Wenn es jemanden beispielsweise erregt, eine andere Person zu dominieren, kann dies darauf hinweisen, dass die Person möglicherweise Führungsqualitäten besitzt, die im gegenwärtigen Leben der Person nicht optimal zur Geltung kommen. David Schnarch weist auch darauf hin, dass Sexualität einen ganzheitlichen Zugang zu Spiritualität bieten kann: Auf welchem anderen Weg lässt sich lustvoller ein Gefühl von Einheit und Ich-Auflösung erlangen? Die ganze indische Tantra-Philosophie und Praxis beruht übrigens auf dieser Erkenntnis.

 

Ich hoffe, dass ich Ihnen mit diesen Tipps die eine oder andere Anregung geben konnte, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Falls ja, hinterlassen Sie doch weiter unten einen Kommentar und erzählen Sie mir und uns von Ihren Erfahrungen. Einfach nicht bis ins letzte Detail bitte.

 

Vielen Dank für Ihr Interesse und willkommen bei Ihnen!

 

Bleiben Sie bei sich und gehen Sie gut mit sich und Ihrer Sexualität um. Das ist das Beste, was Sie für sich und Ihre Mitmenschen tun können. Was nicht heissen soll, dass Sie mit allen gleich ins Bett steigen müssen.

 

Herzlich,

Simon Gautschy

 

Literatur & Links:

Bodenmann, G. & Fuchs, C. (2016). Was Paare stark macht. (6. Auflage). Zürich: Beobachter Edition.

Interview mit dem Paarforscher Guy Bodenmann.

Der Link zu einer Anleitung des Sensate Focus Programmes von Masters & Johnson finden Sie hier.

Für Serienjunkies: Die sehr sehenswerte TV-Serie über die Pioniere der Sexualforschung William Masters und Virginia Jones.

Morin, Jack (1997). Erotische Intelligenz. Die Erschliessung der inneren Quellen sexueller Leidenschaft. Goldmann.

Schnarch, David (2009). Die Psychologie sexueller Leidenschaft. Piper.

Gottman, John (2014). Die 7 Geheimnisse der glücklichen Ehe. Ullmann.

Chapman, Gary (2021). Die 5 Sprachen der Liebe. Francke.

Perel, Esther (2009). Wild Life: Die Rückkehr der Erotik in die Liebe. Piper.

Anand Margot. (2000). Tantra oder die Kunst der sexuellen Ekstase. Goldmann.

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Kommentare: 1
  • #1

    Nancy Naffziger (Donnerstag, 12 Mai 2022 21:08)

    Excellent summary and expansion of prevailing theories with helpful suggestions for applications. It also sets an encouraging tone and normalizes discussing sexuality when there are no obvious problems.

PSYTSG

Psychotherapie Simon Gautschy

M.Sc. Simon Gautschy

Eidg. anerkannter Psychotherapeut
Fachpsychologe für Psychotherapie FSP

Rathausgasse 17

5000 Aarau

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