Emotionsregulation für Eilige.

Etwas vom Seltsamsten, was ich in meinen Therapiesitzungen immer wieder erlebe, ist, wie Menschen mit ihren Gefühlen umgehen. Nein, eigentlich ist vor allem seltsam, was Menschen darüber gelernt haben, wie sie mit ihren Gefühlen umgehen sollten. Teilweise sogar von eigentlich vertrauenswürdigen Quellen im Internet, aus Fachbüchern oder sogar von Therapeuten.

 

Einige gehen ins Fitnesscenter oder boxen, wenn sie Wut erleben. Andere schauen fern oder essen, wenn sie traurig sind. Wiederum andere müssen mit sich selber oder mit einer anderen Person reden, wenn sie Angst erleben.

 

Kommt Ihnen das nicht auch seltsam vor? Oder wie gehen Sie mit Ihren Gefühlen um?

 

Es gibt mittlerweile auch sehr umfangreiche Bücher zum Thema Umgang mit Gefühlen (in der Fachsprache nennt sich das: Emotionsregulation). Die den Eindruck erwecken, man müsste ein Studium absolvieren, um den Umgang mit den eigenen Emotionen zu lernen.

Dabei ist es ganz einfach. Ich will Sie nicht auf die Folter spannen, sondern teile Ihnen gleich an dieser Stelle mit, was das Beste ist, was Sie tun können, um schlau mit Ihren Gefühlen umzugehen:

 

Aushalten.

 

Ja, Sie haben richtig gelesen, halten Sie Ihre Gefühle einfach aus.

 

Ich höre einen Einwand:

 

„Aber meine Gefühle sind manchmal einfach nicht auszuhalten! Sie überwältigen mich!“

 

Dieser Einwand ist berechtigt. Das, was Sie erleben, hat aber vermutlich weniger mit Ihren Gefühlen zu tun, sondern damit, dass Ihr Gefühlserleben an eine Stressreaktion gekoppelt ist. Und dies geschieht in der Regel dann, wenn mit einem Gefühl eine Bewertung verbunden ist. „Ich darf keine Angst haben, sonst werde ich als Schwächling betrachtet“, „Ich darf keine Wut erleben, sonst leiden meine Beziehungen“, „Ich darf nicht traurig sein, weil mich eh niemand tröstet“, sind typische Beispiele.

 

Da gilt es, aktiv zu werden. Verändern Sie diese Bewertungen. Dafür müssen sie allerdings erst einmal identifiziert werden. Und wie gelingt Ihnen das? Indem Sie Ihre Gefühle aushalten. Nichtstun, innehalten, in sich hineinhören und sich dadurch Ihre Bewertungen bewusst machen.

 

Und ja, um Innehalten zu können, ist es wichtig, die Stressreaktion zu beruhigen. Dafür kann es hilfreich sein, sich zu bewegen, sich unter die heisse oder eiskalte Dusche zu stellen, mit jemandem zu reden. Um die Stressreaktion zu beruhigen. Aber nicht, um ein Gefühl wegzumachen.

 

Gefühle sind Signale unseres Bedürfnissystems. Diese wegzumachen wäre, als würden Sie die Benzinanzeige Ihres Autos mit dickem schwarzem Klebeband zukleben, um nicht mehr mit ansehen zu müssen, dass Ihr Benzintank leer ist. Klar ist ein leerer Tank kein schöner Anblick und er bedeutet Aufwand. Aber indem Sie registrieren, dass der Tank leer ist, können Sie ihn füllen und sind dann in der Lage, weiter zu kommen. Mit der verklebten Benzinanzeige bleiben Sie irgendwann auf der Strecke.

 

Wohlgemerkt: Ich schreibe hier nicht von Depressionen oder Panikattacken. Diese sind Symptome, die auftauchen, wenn Menschen nicht feinfühlig mit ihren Gefühlen umgehen. Wenn die Signalanzeige des Gefühlssystems über längere Zeit zugeklebt ist. Auch da geht es nicht ums Aushalten, sondern darum, die Wahrnehmung für die eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu schulen. Und sie dann besser aushalten zu lernen.

 

Also, halten Sie aus. Je mehr Sie es tun, desto leichter wird es. Und wenn Sie trotzdem Hilfe brauchen, melden Sie sich auf keinen Fall bei einem Experten für Emotionsregulation.

 

Vielen Dank für Ihr Interesse und willkommen bei Ihnen!

 

Bleiben Sie bei sich und gehen Sie gut mit Ihren Emotionen und jenen von anderen um. Das ist das Beste, was Sie für sich und Ihre Mitmenschen tun können.

 

Herzlich,

Simon Gautschy

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PSYTSG - Psychotherapie Simon Gautschy

M.Sc. Simon Gautschy

Eidg. anerkannter Psychotherapeut - Fachpsychologe für Psychotherapie FSP

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5000 Aarau